Kalligrafie


Vor etwa 700 entwickelte sich im Orient die Kalligrafie, die Kunst des schönen Schreibens. Die auf Arabisch “hat“ genannte Schönschreibkunst, war die typischste Kunstform der islamischen Welt.

 

Auch die Osmanen widmeten sich mit Hingabe der Kalligrafie.

Möglicherweise wurde die Entwicklung der Kalligrafie zur Kunstform durch das sog. Bilderverbot im Islam begünstigt. Da man in der Kunst des Islam kaum figürliche Szenerien darstellte, konzentrierte sich die künstlerische Phantasie daher vor allem auf die Schrift. In deren Ornamentalisierung, Stilisierung und Ästhetisierung offenbarte sich die unerschöpfliche Freude der islamischen Künstler am Verzieren und Gestalten. Die Entstehung des Phänomens wurde zudem durch die Eigenheiten der arabischen Schrift begünstigt, da es sich um eine linksläufige Kursivschrift mit zahlreichen Auf- und Abstrichen handelt. So gab es mannigfache Kombinationsmöglichkeiten, und dieselben Worte oder Sätze konnten auf vielfache Weise geschrieben werden. Dieser gestalterische Spielraum inspirierte die Schreiber im Laufe der Zeit zur Entwicklung kalligrafischer Schriftformen und -stile. Die Kalligrafie war auch in anderer Hinsicht eng mit der Religion des Islam verbunden. Man wollte mit der Schönschrift für die Worte Gottes und des Propheten eine ihrer inhaltlichen Schönheit und Vollkommenheit entsprechende äußere Form finden. Daher genoss die Kalligrafie als Instrument des Glaubens von allen Künsten den höchsten Stellenwert. Aber die Kalligrafie war mehr als nur Ästhetik. Das Motto der Kalligrafen offenbarte eine Weltanschauung: “Kalligrafie ist eine Art geistige Geometrie, erzeugt durch ein materielles Werkzeug.“

Das kalligrafische Schreiben, die ästhetische Gestaltung des Schriftbildes, unterlag gewissen Regeln. Diese bezogen sich auf Größe, Anordnung und Gefüge der Buchstaben, bestimmten aber auch ihr Verhältnis zur Grundlinie oder den Zeilenabstand. Dabei achtete man immer auch auf Symmetrie und Proportion, so dass sich ein bestimmter Rhythmus der Schrift ergab. Trotz dieser radikalen Formalisierung zeichnete sich die Schriftkunst durch Kreativität, Variationsreichtum und Lebendigkeit aus. Die Schriftarten dienten oft unterschiedlichen Zwecken. Manche waren für die Niederschrift von religiöser Literatur vorgesehen, andere für amtliche Zwecke reserviert, da sie nicht leicht zu lesen und besonders fälschungssicher waren .

Die Kalligrafen genossen hohes gesellschaftliches Ansehen. Ihren Beruf übten die Schriftkünstler im Staatsdienst, an Schulen, Universitäten oder ähnlichen Institutionen aus. Das mehrjährige Studium absolvierten sie bei einem Meisterkalligrafen und beendeten es mit einem Diplom. Ohne dieses war ihnen nicht gestattet, eine Signatur auf ihren Arbeiten anzubringen. Als Schreibwerkzeug diente Schilfrohr . Bevor das Rohr zum Schreiben verwendet werden konnte, musste es mehrere Jahre in Pferdedung vergraben werden, wodurch es an Stabilität gewann. Dann schnitt man die Spitze schräg zu und spaltete sie auf etwa 1-2 cm Länge. Dieser Einschnitt diente als Reservoir für eine kleine Menge Tinte. Da sich die Feder beim Schreiben abnutzte, musste der Zuschnitt ständig wiederholt werden. Dabei musste man sehr geschickt vorgehen, da bereits kleinste Abweichungen beim Nachspitzen das Schriftbild veränderten. Für die bei der Schönschreibkunst verwendete nie verblassende Tinte kreierten die Schreiber im Laufe der Zeit zahlreiche Rezepte, mitunter auch die Goldtinte. Als Schreibträger diente Papier, das meist aus dem Ausland, anfangs aus dem Osten, später aus Westeuropa, importiert wurde.

Auch berühmte westliche Küsntler wie Picasso und Van Gogh bewunderten die Kalligraphie.

Die türkische Kalligraphie führte ihre Kunst auch noch im 19. und 20. Jahrhundert fort, büsste aber ihre Verbreitung mit der Umstellung von der arabischen auf die lateinische Schrift während der Republiksgründung ein. Nun ist sie eine traditionelle Kunst, die an bestimmten Ausbildungseinrichtungen gelehrt wird.